✍️ OffenEin Stakeholder fordert, vor dem ersten Sprint die vollständige Architektur festzulegen. Beziehen Sie begründet Stellung.
Musterantwort: Der Wunsch ist nachvollziehbar, weil Architekturfehler teuer sind und spät sichtbar werden. Vollständig vorab festzulegen löst das Problem jedoch nicht, sondern verschiebt es: Die Entscheidungen fallen zu dem Zeitpunkt, an dem das Wissen über das Produkt am geringsten ist. In der komplexen Produktentwicklung entsteht ein erheblicher Teil der Anforderungen erst durch die Nutzung erster Ergebnisse, weshalb eine vorab vollständige Architektur häufig auf Annahmen beruht, die sich als falsch erweisen – und dann aufwendig zurückgebaut werden müssen. Angemessen ist stattdessen eine bewusste Abstufung. Entscheidungen mit hohen Änderungskosten und weitreichenden Folgen, etwa grundlegende Technologieauswahl, Datenhaltung oder Sicherheitsarchitektur, werden früh und sorgfältig getroffen, weil ihr späterer Wechsel unverhältnismäßig teuer ist. Entscheidungen mit geringen Änderungskosten werden dagegen zum spätestmöglichen verantwortbaren Zeitpunkt getroffen, wenn mehr Information vorliegt. Für die frühen Sprints bedeutet das, die Architektur an echter Funktionalität zu erproben statt auf dem Papier: Ein durchgängiger, schmaler Anwendungsfall über alle Schichten belegt die Tragfähigkeit besser als jedes Dokument. Wichtig ist außerdem, Architekturentscheidungen samt Begründung und Alternativen festzuhalten, damit sie später überprüfbar bleiben. Gegenüber dem Stakeholder würde ich das Anliegen anerkennen, nämlich Risiko zu begrenzen, und aufzeigen, dass frühe Erprobung dieses Risiko wirksamer senkt als frühe Festlegung.